„Der Weg beginnt in Deinem Haus.“

Aus dem Spanischen El camino comienza en su casa (Antwort auf die Frage, wo der Jakobsweg beginnt)

Wir alle leben gerade in einer verrückten Zeit – wir haben Kontaktsperre – wir vermissen Nähe und persönliche Gespräche mit unseren Liebsten, Freunden und auch fremden Menschen.

Die Welt verändert sich. Was aber bleibt ist die Natur um uns herum. Das Leben an sich. Auf unserem Planeten. Stopp: es ist nicht „unser“ Planet. Es ist ein Planet im großen Universum, im unvorstellbaren unendlichen Universum. Und der Mensch ist Gast hier und hat seine Intelligenz nur der Evolution zu verdanken! Wobei sich die Frage nach Intelligenz stellt, wenn man den derzeitigen Zustand unseres Planeten betrachtet und wer dafür verantwortlich ist?

„Corona“ und verzeiht „Clopapier“, das sind die zwei Wörter, die unseren Alltag begleiten. Wenn man noch von Alltag sprechen kann…

Ich habe daher beschlossen, mich auf den Weg zu machen. Soweit möglich.

Ich startete also am 17.04.2020 in der Groenhoffstraße in Griesheim, ca. 50 km südlich Frankfurts am Main, meinen Camino von zuhause nach Santiago de Compostela. Ob ich diesen jemals vollenden werde, steht wohl in den Sternen, aber – wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Einen Versuch ist es allemal wert.

Die heutige Etappe ist mit 17,5 km ein warm-Up. Von Griesheim nach Gernsheim am Rhein. Und nach meiner langwierigen Achillessehnen-Entzündung gerade belastend genug.

Zurück zu der Groenhoffstraße. Es war um die Mittagszeit und bereits 25 Grad warm. Heiß wäre übertrieben, aber das sollte sich noch gefühlmäßig ändern…

Mein Weg führte mich durch das Wohngebiet hinaus in die „Griesheimer Dünen“ oder auch den Griesheimer Sand. Hat irgendwas mit der Eiszeit zu tun. Jedenfalls gibt es dort einen extrem sandigen Boden und dieses Areal ist auch naturgeschützt während der Brutzeit der Vögel.

Nach den ersten 6 Kilometern erreichte ich Eschollbrücken. Leider nun auf einem Radweg neben der Bundesstraße. Das ließ sich leider nicht umgehen, da dieses Gebiet von Autobahnen praktisch umzingelt ist. Ich kam am Sandbach vorbei und fand eine erste Pausenstation im Ortskern. Praktischerweise gleich mit Lesestoff für die Mittagspause 🙂

Der Lärm der durchrauschenden LKW war ohrenbetäubend. Immerhin fand ich Schatten durch die Häuser.Von dort ging es schnurstracks nach Pfungstadt/Hahn. Ein kurzer Trip durch den Ort und dann endlich hinaus ins Feld. Es kam ein echtes Pilgergefühl auf. Das Tempo war zu hoch, klar, der Rucksack war zu leicht, lach. Mr. Achilles (also mein desolater, geschundener Sehnenansatz an der rechten Ferse) erinnerte mich schmerzhaft daran, das Tempo zu drosseln. Auch gut, es war heiß genug und kein Stück Wald in Sicht.

Sicher, in Spanien war es noch heißer. Doch am Atlantik entlang fühlte sich das nicht so an. Auch hatte ich dort die Sonne im Rücken, was meine Waden in sattem Rot erblühen ließen. Heute hatte ich Sonne 4,5 Stunden frontal. Zum Glück hatte ich genug Wasser dabei – Pilgererfahrung…

Die Zeit verflog, die Maschinerie des Laufens in Richtung eines unbekannten, spannenden Zieles lässt alle Gedanken verfliegen. Das Auge nimmt die Umwelt in allen Einzelheiten wahr. Die Stille beruhigt, nur ab und zu zwei Fahrradfahrer, die freundlich grüßend vorbei huschten.

Pause. Im Schatten. Es tut gut. Raus aus dem Alltag, der „Isolation“. Die Welt wird eine andere werden. Vielleicht auch eine bessere. Die Zukunft lässt hoffen.

Aber jetzt bin ich im Hier und Jetzt. Ich laufe. Bin auf dem Weg nach Santiago. Verrückt. Naja, nicht heute und auch nicht morgen. Aber – der erste Schritt ist gesetzt, die erste Etappe ist in Angriff genommen und wird erfolgreich beendet.

Nach 17,5 km und 4,5 Stunden erreiche ich Gernsheim. Ab dem winzigen und ländlichen Dorf Allmendfeld wieder auf der Bundesstraße. Ab und zu kann ich auf dem Feldweg laufen, Mr. Achilles dankt es mir.

Apropos Achillessehne. Ich bin happy, es scheint, dass weiteren Fernwanderungen nichts mehr im Wege steht. Ich muss nur im Gespräch mit Mr. Achilles bleiben und artig auf ihn hören. Dann lässt er mich gewähren. 🙂

Und dann stehe ich am Bahnhof von Gernsheim. Krass. Ich bin irgendwie überwältigt. Es war nicht einfach, einen Weg zu laufen, den man gewöhnlicherweise in 20 Min. mit dem Auto bewältigt und die Gegend sehr gut kennt. In Spanien denkt man darüber nicht nach. Dort empfindet man die Entfernungen gewaltiger und hat das Gefühl schon nach 10 km ungeheures geleistet zu haben. Dabei sind normalerweise 25 km im Schnitt an der Tagesordnung, wenn nicht oft auch mehr.

Aber mit jedem Schritt, mit jeder Etappe wird auch dieser Teil des Camino Europa interessanter, spannender, herausfordernder. Die nächste Etappe wird mich von Gernsheim über die Rheinfähre nach Worms führen (immerhin schon 20 km). In Worms werde ich auf den Pfälzer Jakobsweg stoßen und den ersten gelben Pfeil oder die erste Muschel ins Visier nehmen können, um ihr später auf der langen Reise nach Santiago de Compostela zu folgen. Eine Reise in vielen Etappen, kleineren und größeren, ganz wie es die Gelegenheit zulässt.

Bleibt bei mir, folgt mir, auf Schritt und Tritt. Es wird sicher eine interessante Reise.

ICH bin bereit.

Buen Camino.

P.S. Die Rückfahrt nach Griesheim hatte auch etwas Besonderes. Ich war allein im Bus und wieder in der Isolation angekommen…

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