Ich habe mich die ganze Woche darauf gefreut, meinen ganz persönlichen Camino fortzuführen. Heute war es dann soweit.
Vorab. Ich habe ihn „Nicolan“ getauft. So steht es in meiner lateinischen Compostela…
Nach der ersten Woche zurück im Job ließ ich meinen Gedanken freien Lauf. Ich brauchte Abstand, nicht von Corona, nein, von mir selbst und meinen Selbstzweifeln. Freiheit, wie ich sie nur auf den Pfaden des spanischen Camino fand.
Aber auch hier vor der Haustüre gelingt dies, seht und lest selbst.
Ich startete – klar – in Gernsheim auf den zweiten „Zubringer“ zum Jakobsweg Worms-Metz. 21 km lagen vor mir. Flaches Terrain. Kein Thema.
Die „Helene“ brachte mich ans andere Ufer des Rheins. Dieser Weg schien mir schöner, voll Natur. Ein guter Gedanke, wie sich herausstellte. Noch ein Kaffee to Go, den Rucksack wie üblich mit allem notwendigen Pilger Utensilien, Pflaster, Sonnencreme, Wasser, power Riegel, Regenschutz… obwohl ich diesen heute bestimmt nicht brauchte. Alles war perfekt.
Drüben gleich ein mir bekanntes Bild aus Spanien..

Naja, von einem Pilger schien dieser Schuh nicht zu stammen 😉
Der Weg war einfach unbeschreiblich schön. Idyllisch, ruhig, immer am Rhein entlang und wirklich nur für max. 1 PS zugelassen. Man konnte den Vögeln lauschen, dem Wind in den Baumkronen und dem Plätschern der Wellen, wenn ein Schiff vorbei fuhr. Nichts störte diese Ruhe. Ich kam allerdings langsam voran, zu schön waren die menschenleeren Buchten. Immer wieder verließ ich den Weg, und setzte mich ans Ufer.



In der Ferne sah ich irgendwann die Türme des Reaktors in Biblis, heute Gott sei Dank abgeschaltet. Ein Käfer kreuzte meinen Weg, hatte der ein Glück, dass ich Dank Mr. ACHILLES auf den Weg achten musste, um meinen Fuss nicht der Gefahr auszusetzen überlastet zu werden. Ich bin da sehr fürsorglich – Ja!

Klar, in Spanien sind die Wege weitaus abwechslungsreicher als im ordentlichen, strukturierten und zugepflasterten Deutschland. Alles hübsch gepflegt, ausgeschildert und kaum ursprüngliche Natur.
Aber immerhin. Die ersten 13 km waren sehr entspannend, Grün soweit das Auge reichte und Wasser, natürlich, das Element mit dem ich mich wohl fühlte.
Das war nicht immer so. Die Gedanken schweiften ab in meine Vergangenheit. Ich kam sozusagen bestückt mit Skiern auf die Welt. Geboren in einem Wintersportgebiet. OK, nicht ganz 1963 musste ich den Berg noch zu Fuss hinauf 🤔 Aber eine Abfahrt in Omas Garten tats auch. Viele Jahre dachte ich, ich würde sterben, könnte ich nicht viele Wochen auf der Piste und in den Bergen verbringen. Unsere Eltern – ich habe zwei Brüder – ermöglichten uns einen Winter- und einen Sommerurlaub. Im Sommer fuhren wir zum Camping nach Österreich. Ich musste wandern. Grausig. Welch Mühen. Schwitzen, den Berg hinauf und runter tat auch alles weh. Meine Eltern waren unerbittlich. Als junge Erwachsene gab es daher nur noch Skiurlaube. Sommerurlaub Fehlanzeige. Wandern? Nie und nimmer!
Sportlich war ich immer aktiv. Fußball, Reitsport, Squash, aber Wandern. Nee, wirklich nicht. Öde, langweilig und anstrengend…
Und heute? Klar, Ski fahre ich immer noch gerne, aber ich bin infiziert vom Camino. Fernwandern. Mit Ziel. Ankommen. Allein. Frei sein. Keine Kompromisse, keine Eile, kein Stress, keine Termine. Wann, wie und wohin ich will. Niemals hätte ich das für möglich gehalten!
Aber zurück zu meiner heutigen Etappe.
Ein umgestürtzter Baum versperrte den Weg. Für mich ein Zeichen. Wann immer Dir etwas den Weg versperrt, halte Dich nicht auf, verschwende keine Kräfte um es zu beseitigen, zu klären. Suche einen anderen Weg! Es gibt immer einen Weg, vielleicht ein Umweg, aber auch dieser führt Dich zu einem Ziel. So einfach ist das manchmal ☺️


Nach 10 km erreichte ich Osthofen. Kleine Pause an einem, naja nicht so ganz idyllischen Ort:


Egal, weiter. Leider kam ich dann doch auf die B9 zurück, kurz nur, aber dann auf einem Radweg direkt durch ein Industriegebiet.
Ich traf Christian. Er sprach mich an um ein Foto zu machen. Von ihm. Also gerne, dann aber auch eins von mir, bitte schön. Danke Christian. Ich verriet ihm von meinem Plan, als er mir erklärte, dass parallel auch ein Jakobsweg verliefe. I know. Deshalb bin ich unterwegs. Eine tolle Begegnung, wie ich sie nur aus Spanien kenne. Und vielleicht ein neuer Follower, dann aber herzlich willkommen Christian!

Jo, alles klar, der Corona Speck muss wech 😂
Also weiter, das Ziel war nahe und siehe da, nach ein paar weiteren Kilometern begrüßte mich WORMS
Nun war es nicht mehr weit. Ziel war der Dom St. Peter zu Worms. Ich wusste nicht warum, aber etwas sagte mir, wechsele die Straßenseite und tatsächlich: das war es, wonach ich lange suchte.

Komisch, dieses Zeichen zu sehen löst immer wieder ein Glücksgefühl in mir aus. Verrückt nicht. Es gibt immer mehr Freunde und Bekannte, die dieses mit mir teilen und mir Bilder schicken, wo immer sie auch eine gelbe Muschel auf blauem Grund entdecken. Dafür gibt es auch kein Medikament und keine Impfung. Einmal infiziert lässt es einen nicht mehr los 😁😎😁
Der Rest war easy. Der Dom gefunden. Zeichen des Jakobsweges auch und eine besinnliche Auszeit im Dom, der sogar offen war. Ich habe eine Kerze für meinen kürzlich verstorbenen Onkel angezündet und an meine Lieben zuhause gedacht. Sehr christlich bin ich nicht, gebe ich zu, aber irgendetwas Magisches hat der Weg und damit auch die Kirchen, denen man begegnet.



Leider war es unmöglich einen Pilger Stempel zu bekommen, lag es an Corona oder gibt es diese hier sowieso nicht? Auch ein Pilger Menü vermisste ich schmerzlich, mein Magen knurrte, hatte er doch nur ein Frühstück und einen To Go unterwegs bekommen.
Ich entschied mich für die Heimfahrt mit der hiesigen S-Bahn. Verrückt, was einem hier bewusst wird. Man läuft 5 Stunden ( mit Pausen), 21 km, sitzt in der Bahn – bei dem körpereigenen Parfum glücklicherweise sowieso auf Abstand 😂😂 und ist in 20 Minuten – zack – wieder am Startpunkt.
Gut, in diesen Tagen geht es nicht anders. Übernachtungen sind nicht möglich, also auch keine mehrtägigen Touren.
Auf jeden Fall heißt es Etappe 3, Worms – Richtung Metz. Keine Ahnung wie weit ich kommen werde und wie zurück. Aber das ist auch nicht wichtig. Wichtig ist allein, es zu tun 👣
Also bleibt dran, ich zähle auf euch!
Buen Camino 👣🍀