
Heute war es endlich soweit, nach einer ereignisreichen Woche entschloss ich mich, den ersten Schritt auf dem offiziellen Jakobsweg Richtung Santiago de Compostela zu machen – die Klosterroute von Worms nach Metz. Eigentlich sollte dieses Wochenende der Ruhe dienen, denn ich fiel die Kellertreppe hinauf – ja, richtig, hinauf – und prellte mir das Knie (die meisten Unfälle passieren ja bekanntlich im Haushalt…) aber da die Sofortmaßnahme mit Globuli, Eisbeutel und übel riechender Kytta-Salbe Früchte trug (in diesem Falle galt: Viel hilft viel ..) ging es dann doch noch los.
Die Vorbereitungen zu dieser Etappe glichen einem „Surf-and-Google-Marathon“. Der Umstand COVID19, ein Sonntag und die Tatsache, dass es wieder einmal „nur“ eine Tagesetappe werden würde, erforderte viel Geduld. Camino-Feeling war das nicht. Einfach loslaufen, entbunden von Zeit und digitalen Hilfen, laufen wie weit einen die Füße trugen, ankommen, war nicht.
Fast schon hätte ich die Route geändert, aber die Aussicht von Worms über Speyer zu laufen war ernüchternd. Zu viel Straße, zu viel Industrie (BASF lässt grüßen), das war keine Option. Somit ging es heute „nur“ bis Monsheim. Das einzige sorry, Kaff, das noch eine taugliche S-Bahn-Anbindung an Worms hatte, um wieder zum Ausgangspunkt zurück zu kommen. Und irgendwie hatte ich dieses Mal Lust, mir Gesellschaft zu organisieren. Ungewöhnlich für mich. Sehr ungewöhnlich, denn wer auch meine anderen Beiträge gelesen hat, wird das verstehen. Normalerweise genieße ich die Einsamkeit auf meinen Wegen, die Stille der Natur, die Reflektion auf mich selbst und meine Gedanken.
Die Etappe war mit ca. 15 km – so war es beschrieben – nicht lang. Jedenfalls nicht für mich. Unter 20 km laufe ich erst gar nicht los. Und wenn es läuft, darf es gerne auch mehr sein. Schließlich lagen vor mir ja 2.311 km von Worms nach SDC (Santiago de Compostela) Ok, gut. Heute nur 15 km. Und heute mit Begleitung: Christina.
Es war ein Anruf: „Hast Du morgen schon etwas vor?“ – „Nein“ – „Gut, dann jetzt mit mir“ 🙂

Das Christina gern läuft wusste ich. Dass sie mich aber gerne mal gefragt hätte, um mich zu begleiten, sich aber irgendwie nicht wirklich traute ( sie kennt mich halt gut), wusste ich so nicht. Umso besser. Sie freute sich und reiste prompt mit ihrem Cabrio an und los gings. Juhu, Cabrio fahren! Ein wenig kalt auf der Autobahn, aber mit Kapuze – wir sahen, glaube ich, ziemlich bekloppt aus, ging es. Ab nach Monsheim. Denn der Plan war von dort mit der S-Bahn in knapp 10 Minuten nach Worms zu reisen. 10 Minuten, unglaublich… um dann zu Fuß zurück nach Monsheim, immer hübsch der Muschel nach, (und bloß keine Abkürzung!) zu pilgern. Wie lange wir gepilgert sind…. ihr werdet sehen.
Wir zwei Organisations-Talente (wir arbeiten auch zusammen…) kamen genau pünktlich in Monsheim an, dank der letzten Kurve zum Bahnhof, die einem U-Turn glich, weil naja die Beschilderung auch ziemlich schlecht sichtbar war … aber Christina wendet einen Transporter auf einer Briefmarke, verriet sie mir. Ich glaubte ihr das sofort!
In Worms ging es erst mal zurück zum Dom, dem Ausgangspunkt der Klosteroute. Dann hieß es Wanderführer (ganz old-school) raus und nach den ersten Hinweisen suchen. Nicht einfach. Schon der erste Weg war versperrt – also außen herum. Auch schön die Parkanlage. Und an der Kreuzung schon wieder. Wohin? Keine Muschel, kein Hinweis. Kein Straßenschild. Also dann doch das Smartphone befragen – aha, ich dachte es mir. Am Lutherdenkmal knapp vorbei und in Richtung Bahn-Brücke. Dahinter angekommen, wieder Fraglosigkeit. Die Straßennamen im Wanderführer passten nicht. Was bitte haben die Pilger früher nur ohne Google-Maps gemacht ????
Aber ich bin ja zertifizierte Pilgerin und weiß, Energie sparen ist das A und O! Lieber 3 x suchen, als Kilometer zurück zu müssen. Christina musste ihre Augen noch schulen, aber das sollte schneller gehen, als ich mir vorstellen konnte…

Wir hatten es endlich geschafft, heraus aus der Stadt.
Schnell noch schnell einen Coffee-to-Go für mich in der Eisdiele und dann trafen wir am Ortsausgang auf einer Brücke auch schon auf den Bachlauf der Pfrimm, der wir bis Monsheim folgen sollten.
Inzwischen wurde es wärmer, die Hosenbeine kürzer 🙂 und die Jacken verschwanden im Rucksack.
Ein traumhafter Weg, immer am Bach entlang, hier waren auch regelmäßig Aufkleber der Jakobsmuschel, so dass wir gut voran kamen. Und unglaublich, an einem schönen Weiher fanden wir bald ein herrliches, ruhiges Plätzchen für die erste Pilger-Verschnaufpause. Wir für uns gemacht. Bingo.
Weiter. Immer der Pfrimm entlang. Immer in frühlingshaften Grün unterwegs, Bäume säumten den Weg, ab und zu auch Felder und naja, auch eine Autobahnbrücke kreuzte unseren Weg. Gehört auch dazu.
Kurz vor Pfeddersheim wurde ich von Christinas inzwischen geschultem Blick überzeugt, diesen Hinweis hätte ICH glatt übersehen!

Wir erreichten die ersten Häuser von Pfeddersheim und zack – kaum in menschlicher Zivilisation – standen wir ratlos auf der Straße. Wohin? Wo ist die Pfrimm? Verdammt.
Wir bogen falsch ab. Aber Pfeddersheim ist nicht Frankfurt, also war der Weg schnell wieder gefunden. Pilgerpech.
Eine kleine Ehrenrunde durch das Wohngebiet und schon waren wir wieder am Bachlauf. Geschützt im Schatten der Bäume stiefelten wir weiter an Gärten mit kuriosen Empfangsschildern vorbei und schlängelten uns stellenweise durch die uns entgegenkommenden Hundehalter und Fahrradfans.
Wir hatten es kaum ausgesprochen, dass eine erneute Pause und Mittagssnack willkommen wäre, da tauchte vor uns der im Wanderführer beschriebene Grillplatz auf. Eine Bank. Perfekt. Christina hatte Sitzpolster mitgeschleppt – lach. „Omakissen“ nenne ich sie. Psst. ich hab nix gesagt, war ich ja froh, dass wir uns darauf setzen konnten. Pilgermahlzeit No. 2.
Ich hatte aber auch vorgesorgt. Passend zum Omakissen fischte ich eine kleine Flasche spanischen Rotwein und zwei Becher aus meinem Rucksack. Nun, die Pause wurde etwas länger…
….und da war noch etwas…
Auf dieser Bank lag ein kleiner Stein, bemalt. Ich drehte ihn herum und traute meinen Augen nicht. Jemand hatte diesen kleinen Stein auf dieser Bank abgelegt. Hatte dieser Stein nur auf mich gewartet?
Verrückt.
Kurios.
Magisch.
Wie der Jakobsweg eben.


Für die Nicht-Pilger sei erklärt, dass man auf den Jakobsweg (Camino) einen Stein von zuhause mitnimmt, der etwas symbolisieren soll. Leid, Ängste, Kummer, Sorgen. Diesen Stein legt man auf seinem Weg üblicherweise auf einem der Wegweisersteine ab, um damit genau diese Sorgen oder Kummer abzulegen. So der Gedanke. Ich habe dieses auch getan auf meinen Caminos. Man muss nicht gläubig sein, man muss es nur zulassen, dass der Camino etwas mit einem macht. Vertrauen.
Ich habe danach mein Leben angefangen zu verändern, in kleinen Schritten. Eben so, wie man Santiago langsam aber in stetigen Schritten näher kommt…
Nun trennten uns vom Ziel noch ca. 7 km. Die ersten Höhenzüge tauchten am Horizont auf, die ersten Weinreben der Winzergenossenschaft „Wonnegau“. Eine Wonne wäre es auch gewesen, sich jetzt eine kleine Weinprobe zu gönnen. Aber was solls. Eben nicht. Corona. Zu.

Wir erreichten Monsheim und schon wieder standen wir ratlos in der Zivilisation. In welcher Richtung ist der Bahnhof. Der Wanderführer sagt „Richtung Zentrum“. Die Schilder sagten nichts. Die Informationstafel zum Thema „Pilgern und Tod“ war auch nicht zu sehen. Nicht mal die Garage, wo sie angebracht sein sollte. Also wieder Onkel Google befragen.
Eine kleine Schleife zurück und dann erkannte Christina die Straße wieder, an der wir, wie eingangs erwähnt, den U-Turn vollbrachten, um zum Bahnhof zu kommen.

Das Ortsbild war – ich suche nach Worten – bunt?
Ein Sammelsurium von Neubauten, Anbauten, alten Gemäuern, teilweise restaurierten aber dem Stil nach bedenkliche Fassaden und erstaunliche „wir wollen – können aber nicht“ Renovierungen.
Da musste man sich über diese Gasse nicht wundern:
Egal. Wir waren am Ziel. Geschafft. Müde, hungrig, durstig.
Die Rückfahrt regte zum Nachdenken an. Wir sahen von der Autobahn aus die letzten km entlang des Baches. Es wird einem bewusst, welche Strecke man zurückgelegt hat. 16,5 km. Es klingt nicht viel, denn mit dem Auto (ich erinnere an die S-Bahn-Fahrt) ist man in 10 Minuten zurück in Worms.
Wir waren 5,5 Stunden unterwegs. Mit leichtem Gepäck, ok. Ohne große Anstrengungen, was die Höhenmeter anbetrifft. Aber dennoch. Ein gutes Gefühl. Glücklich.
Zuhause angekommen gab es – natürlich – das „Pilgermenuessen„. Bringservice. Vom portugiesischen Spanier. Für schlappe 15-18 Euro pro Person. Ein Hauptgang.
Auf dem Camino bekommt man ein 3-Gang-Pilgermenu für 9 Euro. Und da man das nicht alleine schafft, teilt man sich einfach die Gänge und zahlt jeder 4,50 Euro. So geht das. 🙂
Aber, wir sind ja hier in Deutschland …
Für mich bitte Paella.
Spanisch.
Was sonst.
In alter Gewohnheit.
¡Que aproveche y hasta pronto!
…die Vorbereitungen für Etappe 2 laufen.