Die Klosterroute Etappe 2

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Die Pfalz

Birgit läuft. Heute stehen 21 km an, Etappe 2 der Klosterroute auf meinem langen Weg nach Santiago de Compostela. Unwirklich noch das Vorhaben, den ganzen Weg von hier nach Santiago zu laufen. Habe ich doch gerade erst angefangen und doch, ich bin mittendrin. Und ihr werdet sehen, heute gibt es wirkliches „Camino-Feeling“ ….

Der Rucksack gepackt, das Wetter ist ein Traum und los geht’s mit dem Auto nach Göllheim, mein heutiger Zielpunkt. Eine etwas chaotische Anreise nach Monsheim, wo ich Etappe 1 beendete, steht mir bevor. Aber damit will ich mich nicht aufhalten.

 

Ich muss daran denken, dass mir die Frage gestellt wurde, ob es nicht reicht, einmal den Camino gelaufen zu sein, um Fragen an das Leben beantwortet zu bekommen. Ich wurde gefragt, warum ich immer wieder auf dem Weg bin…

Nun, es gibt unterschiedliche Gründe, sich auf den Jakobsweg zu begeben. Jeder nimmt etwas anderes daraus mit. Manche ändern ihr Leben danach komplett und gehen nie wieder. Andere werden süchtig – wie ich 🙂 – und ziehen immer wieder neue Kraft aus diesem Weg, den es so oft gibt, dem man immer wieder begegnet, wenn man die Augen offen hält und achtsam unterwegs ist. Achtsam, aufmerksam, entschleunigen, zu sich selbst kommen, das kann man nicht oft genug machen…schöner wie Urlaub aus dem Katalog, viel schöner, aber lest selbst heute von meinem wohl schönsten kleinen Urlaubstag, den ich in vollen Zügen genossen habe…

Also, in Monsheim angekommen suchte ich den Vogellehrpfad, auf dem es heute weiter ging. Ein verwunschener, schattiger und grüner Pfad entlang der Pfrimm begrüßte mich. Traumhaft, und schon war im mittendrin in meinem heutigen Abenteuer.

Er führte unter einer alten Brücke hindurch und beim Blick zurück – man sollte manchmal auch zurück blicken, es eröffnen sich neue Ansichten – fand ich ein merkwürdiges Relikt aus vergangenen Zeiten …?

Gut, heute war nicht Sonntag, aber was solls.

Der Weg schlängelte sich bald an Feldern vorbei, um dann wieder in ein Waldstück einzutauchen. Ich träumte vor mich her und war doch in freudiger Erwartung meiner heutigen Begegnung …

Der Bach lud zum Verweilen ein, erst 2 km gelaufen und schon Pause? Egal, die Stelle war perfekt um ans kühlende Wasser zu kommen. Damit ich nicht übersehen wurde – ließ ich meine Wasserflasche und meine Jacke auf der Bank am Wegesrand liegen. Es könnte ja jeden Moment jemand vorbei radeln, den ich nicht verpassen wollte 😉

Ich fand das wohl Beste Fotomotiv an diesem Tag. Das allerdings wusste ich erst später, denn mit fortgeschrittenem Alter ist das Fotografieren mit dem Smartphone ohne eine geeignete Sehhilfe so eine Sache – draufhalten, abdrücken, ein, zwei Mal und sich überraschen lassen!

Gelungen, genau das was ich live vorfand konnte ich einfangen. Einfach Magisch:

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Leider musste ich weiter, es lang noch ein langer Weg vor mir und als ich munter in meinem Apfel biss hätte ich genau in diesem Moment nicht damit gerechnet „ausgebremst“ zu werden.

Meine heutige Begleitung für ein Stück des Weges, Christian, der „rasende Fotograf vom Rheinufer“, den ich auf dem Weg von Gernsheim nach Worms kennenlernen durfte, hatte sein Versprechen wahr gemacht und kam mit dem Fahrrad um live mit dabei zu sein, bei meinem Projekt „Jakobsweg“.

Quatschend und erzählend liefen wir weiter. Mit Sicherheitsabstand in diesen Tagen, versteht sich. Auch er ein leidenschaftlicher Naturjunge, mit Blick für das Schöne, die Natur und den Genuß, frei zu sein – ohne Fremdeinwirkung, ohne Hast und Eile, eben auch mal mit sich selbst unterwegs zu sein.

Und das ist es nun, was mein Herz höher schlagen lässt, „Camino-Feeling“ eben. „Meine“ gelben Pfeile! Das Zeichen des Camino. Sie zeigen die Richtung, sie begleiten Dich auf Deinem Weg, damit DU sicher ankommst, nicht vom Weg abkommst. Beschützend.  Das sind die ersten Pfeile auf diesem Weg – Juhu!!!

Es tauchten die ersten Weinberge auf, Zell war das 1. Etappenziel, bis zu dem Christian mich begleiten wollte. Aussicht auf einen Kaffee? Wir hofften es. Aber erst einmal ging es zwischen den Weinbergen steil den Berg hinauf.

Auf halber Höhe ließen wir uns im Schatten eines Baumes ins Gras fallen, wir hatten beide unsere Last zu tragen, nicht nur Fahrrad und Rucksack. Wir philosophierten über das Leben, was uns derzeit umtreibt und genossen die Aussicht auf die schöne Umgebung und die freundlichen Spaziergänger, die lachend und grüßend vorbei liefen.

Ich hätte noch Stunden da sitzen können, aber weiter. Bald war die Anhöhe erklommen, ein kleiner Umweg in Kauf genommen, weil wir den Abzweig nach Zell verpasst hatten, aber dank Christians Ortskenntnis, war die Richtung schnell wieder gefunden.

Aus dem Kaffee wurde leider nichts. Alles zu. Kein offenes Cafe, kein Hotel, keine Kneipe, nicht mal „to go“. Ein Brunnen löschte Christians Durst. Das war’s. Und dann trennten sich auch schon leider wieder unsere Wege. Christian mit dem Rad zurück nach Hause, ich weiter Richtung Göllheim. Es war eine sehr schöne Begegnung und es freut mich ungemein, dass ich auf Deutschlands Wegen unterwegs bin und ich diese tolle Begegnung quasi vor meiner Haustüre machen durfte. Danke, Christian für die schönen Momente heute!

Nun, alleine weiter. Nach dem anstrengenden Aufstieg – ich habe wirklich null Kondition mehr und seit meinem letzten Camino ein paar Kilo oben drauf, die ich mit mir rumschleppe – meldete sich auch „Mr. Achilles“ – wie früher unsere Pferde am Stall, die nach genau 45 Minuten in die Mitte der Reithalle stapften und schnaubend dem Reiter klar machten, Reitstunde beendet, habe fertig. Genau so meldet sich mein Fuß merkwürdigerweise immer nach km 12. Habe fertig. Reicht jetzt.

Nein. Birgit ist Perfektionistin. Birgit ist stur. Birgit zieht das durch, was sie sich vorgenommen hat. Oja, Birgit hat vom Regen-Camino 200 km mit einer entzündeten Achillessehne offenbar nichts gelernt….

Doch, hab ich. Ich verlangsamte meinen Schritt, warf noch eine Pause ein und kühlte den Fuss in einem Bach. Inzwischen hatte ich Zell und Harxheim hinter mir gelassen und steuerte in Richtung Bubenheim.

Und wieder machte ich einen kleinen Umweg, hangelte mich eine Steigung hinauf, um dann festzustellen ich hätte es leichter haben können. Pech. Die Markierungen sind eben spärlich, verstecken sich im deutschen Schilderwald oder sind schlicht und ergreifend gar nicht da.

Das gute alte Smartphone und Google-Maps zeigen mir den Weg zurück zum sicheren Jakobsweg. Geschafft. Bubenheim durchquert und weiter Richtung Göllheim.

Stundenlang lief ich allein mit meinen Gedanken auf schönen Wiesen- und Feldwegen.
Langsam, bedächtig, immer wieder stehen bleibend, die Natur betrachtend und den Vögeln und Getier im hohen Gras lauschend.

 

Es war inzwischen sehr heiß, ich hatte nur noch wenig Wasser. Ein Problem, das es in Spanien kaumt gibt. Es gibt dort unzählige Brunnen, dessen Wasser genießbar ist, die Menschen leben auf der Straße, sind freundlich und hilfsbereit. Oft stehen Tischchen vor den Häusern bestückt mit Wasserflaschen für die Pilger.

Verstehe. Ich bin hier offenbar die einzige deutsche Bekloppte, die zu Fuß nach Spanien will :-). Naja, geht ja auch nur Tagestour-technisch. Trotzdem ziemlich einsam hier. Wenige Menschen, auch in den Dörfern auf der Straße. Ich hätte gerne jemanden nach Wasser gefragt. Aus der Leitung. Aber es war niemand zu sehen. Die Straßen still, ab und zu ein Auto. Und Fußgänger tragen gewöhnlich ja keine Wasserleitung mit sich herum…

Und wieder gelangte ich auf einen Irrweg. Diesmal ziemlich schuldlos. Im Wanderführer stand „rechts abbiegen auf den westlichen Burggraben“.  Also lief ich am „östlichen Burggraben“ vorbei und bog wie angegeben in den „westlichen“ ein. Es ging bergab. Endlich. Unten angekommen. Hä? Sackgasse?? Die Bewohner eines Hofes schauten mich merkwürdig an. Was will die Verrückte hier?
Klar hätte ich auch auf den deutschen Schilderwald (s.o.) geachtet, wäre mir aufgefallen, dass oben an der Hauptstraße wohl ein Hinweis auf einen Sackgasse war.

Was mir blieb, war wieder hoch zu kriechen, zurück zu laufen und siehe da: An der Hausecke vom „östlichen Burggraben“ sichtete ich ein winzig kleines Jakobsschild. Von der anderen Seite kommend natürlich ! nicht zu sehen.

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Auch gut, aller guten Dinge sind drei. Es war nun nicht mehr weit. 5 km.

Es ging abschließen über befestigte Feldwege und bald tauchten am Horizont die beiden Kirchtürme von Göllheim auf. Und wieder das Gefühl – obwohl die Füße schmerzten – schade, schon vorbei. Schon? Ja, die Zeit vergeht wie im Flug. Man kennt keine Uhr und stellt fest, ich war 6 Stunden unterwegs. Krass. Aber eine unglaublich schöne Zeit, die nicht missen möchte:

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Das wäre ein schöner Abschluss, aber mein Weg führte noch in die katholische Kirche zu Göllheim – Kirchen gehören nunmal zum Camino und außerdem hoffte ich natürlich endlich mal meinen ersten Pilgerstempel in meinen Pilgerpass zu bekommen. Aber leider auch heute, auch hier: Fehlanzeige:

P.S. Ich erreichte Göllheim durch eine Schrebergarten-Anlage, wo mir eine barfüßige Frau mit einem Teller voll Grillgut und Gemüse entgegen kam und lächelnd an mir vorbei lief. Frechheit 🙂 🙂

Das Auto war bald gefunden im Gewirr der wunderschönen Altstadt-Straßen und nun hieß es „Driving Home“ und bis auf ganz bald!

Ich mache eine kleine Pause und hoffe, dass in einigen Wochen die Pensionen wieder geöffnet sind um der französichen Grenze ein bisschen näher rücken zu dürfen.

Eure Peregrina (Pilgerin)
Birgit

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