List üp söl (auf Sylt)

Ich überlegte gestern Abend ob ich das Frühstück ausfallen lassen sollte um einmal länger schlafen zu können. Meine innere Uhr hatte es aber anders mit mir vor. Um fünf Uhr morgens konnte ich nicht mehr schlafen. Also doch Frühstück. Direkt danach mache ich mich wie geplant auf den Weg nach List. Ich komme noch rechtzeitig am Hafenparkplatz an um die aufgehende Sonne bei windigen minus 3 Grad einzufangen.

Hier liegt der Strand voll mit Austernmuscheln. Ein ganz besonderes Exemplar wandert in meinen Rucksack. Es schlägt alles, was ich bisher am Strand gefunden habe… (und sie wiegt wesentlich weniger als der Holzklotz von gestern 😆)

Nach einem guten Stück am Strand entlang führt der Weg dann auf eine asphaltierte Strecke durch die Dünenlandschaft aus List heraus. Es ist bitterkalt und ich stelle fest, dass ich bei solcher Kälte, eingepackt wie ein Eskimo noch nie wandern war.

Der Weg gibt einen phantastischen Blick auf eine der großen Wanderdünen frei. Es ist wie gewohnt kein Mensch unterwegs. Einzig ein Fahrradfahrer überholt mich mit einem freundlichen „Moin“

Ich bewege mich zwischen Tag und Nacht: links am Oststrand die aufgehende Sonne und rechts über der Wanderdüne noch zu sehen der Mond. Und ein Stückchen Erde zwischen Himmel und Wasser…

Nach ca 3 km überquere ich die Landstraße. Von dort geht es hinein in die Dünen mittels breiten Holz-Treppen, sehr entspannt!

Mir eröffnet sich eine sehr karge und doch wunderschöne Dünenlandschaft. Es geht auf und ab, auf Sandwegen, die ob der Kälte gefroren sind, teils sind Holzwege gelegt. Jetzt im Winter gibt es hier kaum Farbe, die Heide ist leider verblüht.

Auf dem höchsten Punkt kann ich schon den Weststrand sehen. Unglaublich. Und bald schon wechselt der Pfad hinein in die mit Gras bewachsenen Dünen kurz vor dem Strand.

180 Grad um mich selbst gedreht sieht das so aus:

Der Weg der mich hierher brachte

Der mir schon bekannte Weststrand der insgesamt 40 km lang ist, lässt sich heute gut laufen. Das Meer ist rau und unruhig, aber die immer währende Brandung ist wie Balsam für die Seele. Wasser. Wohl mein Element. Trotz auflaufendem Wasser ist der Strandboden noch so gefroren, dass man nur wenig einsinkt. Ich komme schnell voran und fühle mich seit Tagen zum ersten Mal richtig fit. Sollte es mir wirklich langsam besser gehen? Es wäre so schön…

An dem mir schon von meiner Wanderung am Ellenbogen bekannten Strandübergang kehre ich dem Weststrand den Rücken und lege windgeschützt eine kurze Pause ein. Es ist auf einmal still. Richtig still. Das Meer ist nicht mehr zu hören. Windstill. Stille, die fast schon laut ist.

Und die Zeit scheint still zu stehen. Da ist sie, die Entschleunigung, die so wertvoll ist. Es ist heute egal, wann ich wo bin. Nichts und niemand wartet auf mich. Vom Mittagessen abgemeldet gehört dieser Tag nur mir. Trotz Kälte gehts gut gelaunt weiter am Rande der Landstraße und dem Sogenannten „Königshafen“ zwischen Ellenbogen und den Lister Dünen.

Ich wäre nicht ich wenn ich mich einmal nicht verlaufen würde – was genau genommen auf dieser Insel schon eine Kunst ist – ich lief am Abzweig vorbei und musste noch einmal 300 m zurück. Ich lachte über mich selbst.

Durch eine von außen nicht sehr freundlich anmutende Jugendherberge ging es wieder in die Dünen. Ein langer Weg führte durch ein kleines Tal bis zu einer „Himmelsleiter“

Glücklicherweise hatte man für Leute wie mich Ruhestätten vorgesehen 😀

Oben glücklich angekommen öffnete sich ein sensationeller Blick über den Norden der Insel zwischen List, Ellenbogen und Weststrand.

Blick zum Weststrand
Blick zum Ellenbogen
Blick nach Süden

Und wieder konnte man die Stille hören. Erst als zwei neue Wanderer auftauchten und die Szenerie unterbrachen, brach auch ich zur letzten Etappe zurück nach List auf.

Ich schlenderte noch ein Stündchen durch verschiedene Gassen und fand den Lister „Urwald“ mitten im Ort, der mich irgendwie an ein Oden-Wäldchen zuhause erinnerte.

Ein Haus von 1804, die Austernstube, zeugt von den frühen Austernfischern hier auf Sylt, heute wird hier die Sylter „Royal“ ( eine japanische Art ) kultiviert. Die einst natürlichen europäischen Austernbänke sind durch Überfischung ausgestorben.

Der Tag heute glich einem kleinen Camino, ein neuer Weg in der Fremde und doch fühlte ich mich nicht allein, gut aufgehoben, fast heimisch. Und es war fast auch ein bisschen von der mir bekannten Faszination und Magie der Natur zu spüren.

Die Belohnung ließ nicht lange auf sich warten. Im Hafen von List gibt es ebenfalls einen „Gosch“ – war auch nicht anders zu erwarten – der zu einem leckeren Essen einlud. Da ich Austern leider – oder Gott sei Dank – nicht mag, fällt meine Wahl auf Scallops mit schwarzen Nudeln und Safransauce. Mega!

Gosch im Lister Hafen

Apropos habe ich gelernt, dass man auf Sylt niemals Scholle bestellen sollte, man identifiziert sich sofort als Touristen-Neuling – würde sagen, zu spät für mich 😅 hatte ich doch letzte Woche Scholle in Hörnum gegessen…

Hej! Es gibt noch einiges hier zu entdecken ….

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