Tag 1.2 auf dem Fischerweg

Ich starte heute mit meinem Lieblingsbild des Tages. Aber dazu später mehr.

Stürmische Böen klopften in der Nacht an meine Terrassentür. Das hieß nichts gutes. Dennoch ausgeschlafen und hellwach nach einem Instant-Kaffee erwartet mich ein Regenbogen am frühen Portugalhimmel.

Es ist kurz nach acht, ich checke aus und hoffe, dass der Regen heute nicht zu heftig wird. Dass dieser Fernwanderweg sehr abwechslungsreich ist, zeigt sich schnell. Es geht durch Dünen, an Stränden entlang und auf schmalen Pfaden fast immer direkt entlang der Steilküste.

Kurz vor mir muss ein Wanderer aus der Gegenrichtung gekommen sein, das verraten eindeutig die frischen Spuren mit Einstichen von den Stöcken im nassen Sand.

Lange bin ich allein, habe ja auch einen Vorsprung. Der Regen hat sich erstmal verzogen und so wandere ich immer entgegen der Spuren meines stillen Vorgängers vorwärts.

Es ist atemberaubend. Nicht in Worte zu fassen. Ich spüre keinen Rucksack, keine Last, keine Sorgen. Ich bin. Einfach nur hier. Und unendlich dankbar für das, was ich erleben darf!

Ich bekomme auch ein Geschenk. Einen Stein mit einem Herz ♥️ dieser soll meinen Turm zieren, den ich natürlich baue. Ist er nicht schön? Ich stelle mir vor, wie andere Wanderer das Herz entdecken und bestimmt wird er oft fotografiert. Bis. Ja bis ihn eines Tages eine Böe erwischt.

Beschwingt setze ich meinen Weg fort, noch immer einsam. Die Brandung tobt, die Möven ziehen ihre Kreise. Ich stoße auf einen gestrandeten Grindwal.

Leider kein schöner Anblick 😔

Dazu gleich das, was mich nachdenklich macht. Der ganze Strand ist voll mit Kleinst-Plastik. Wieder denke ich über mein Konsumverhalten nach und gelobe mir selbst Besserung!

Auch das muss an dieser Stelle sein. Nicht einfach nur daran vorbei laufen!

Es kommt Wind auf und in Sekunden öffnet sich der Himmel. Der Wind zerrt an meinem Cape. Ich komme kaum vorwärts. Schutz suchend schlage ich einen Bogen hinter die Dünen – und – erspähe einen großen frei umher streunenden Wildhund. Auch das noch. Ich halte an, ducke mich und beobachte ihn. Zum Glück schlägt auch er einen Weg in das schützende Unterholz ein. Nachdem er eine Weile außer Sicht ist setze ich meinen Weg fort. Die Tatzen des großen Hundes vor mir immer im Blick. Ach was, die meisten sind harmlos und Wanderer gewöhnt. Aber auch die mit einem riesigen blauen „Müllsack“ über sich? Ich denke an Holland, wo ein domestizierter Haushund plötzlich auf mich losging – eben wegen diesem Ungetüm von Regencape.

Es geht alles gut und ich erreiche einen Surfstrand. Jetzt kommen auch die ersten Menschen in mein Blickfeld. Mal mit Rucksack, mal ohne. Und eben auch die Fischer.

Vor diesem Strandabschnitt aber bin ich der Wegekennzeichnung gefolgt. Die Küstenroute, also direkt am Atlantik war mit einem Kreuz gekennzeichnet, also eigentlich sollte diese gemieden werden. Außer mir, bravem Mädchen hielt sich offenbar keiner daran, denn ich war wieder oder immer noch mutterseelenallein unterwegs. Allein die Spuren und Einstiche meines Geisterwanderers waren dieselben, glaube ich jetzt einfach mal…

Und jetzt kommt’s, wer diesen Weg hinter den Dünen versäumt ist selbst schuld. Eine Abwechslung vom Feinsten. Absolute Ruhe, kein Meer, nichts. Einfach nur Stille. Eine Heidelandschaft, wie man sie hier nicht vermutet. Da trauten sich selbst wilde Krokusse ans Tageslicht.

Zurück zum Strand. Nach anstrengendem Walk an den Surfkids vorbei geht es wieder hinauf auf die Klippen. Eine Steglandschaft begrüßt die geschundenen Muskeln vom Dünensand und lädt zur Pause ein und Kleidung im Wind trocknen.

Und dann traue ich meinen Augen nicht. Wenn man diese Naturgewalt live erlebt, stellt das alle Reiseberichte in den Schatten! Die schmerzenden Muskeln sind Geschichte. Bom Dia begrüßt mich ein Fischer und ich folge ihm zu seinem Arbeitsplatz…..

Ich wollte hier nicht weg, doch ich musste irgendwann weiter. Der Fischer, dachte ich mir, hat den wohl schönsten Arbeitsplatz der Welt, auch wenn der Verdienst sicher sehr klein ist.

Das kann man fast nicht toppen. Doch. Mit weiteren 8 km Dünensandweg 😅 inklusive Regenguss. Aber. Auch hier kann ich mich live von dem wohl spektakulärsten Storchennest überzeugen. Leider zu dieser Jahreszeit nicht bewohnt. Ausgewandert nach Afrika nehme ich mal an.

Und wer kraxelt da plötzlich hinter mir. Die beiden Münsteraner. Etwas spät aus dem Bett gefallen aber nun haben sie mich eingeholt. Ein kurzer Schnack…“warum hast DU keinen Sand in den Schuhen??“ und solche elementaren Dinge auf dem Trail eben und dann stapfen Sie an mir vorbei. Ich werde sie nochmal treffen. Kurz vor unserem heutigen Etappenziel an der Bar, die ohne Essen keine Getränke verkauft 😔

Aber bis dahin laufe ich – inzwischen im Schneckentempo wegen des miesen Sandes und ständigen Steigungen – alleine weiter.

Nach der Bar am Fischereihafen sind es noch zwei Kilometer bis zum Ziel. Ich geh schon mal, bin eh langsam…Bis gleich sagt Holger, ich habe sie aber nicht mehr gesehen. Vila Nova do Milfontes ein relativ großer Ort.

Da ich ziemlich platt bin schlage ich direkt den Weg zu meinem Domizil ein, falle förmlich über eine Bar und genieße in aller Ruhe einen schönen kalten Vino.

Meine „Hospilatera“ wie man in Spanien sagen würde, Anne also hat beim CheckIn eine Überraschung für mich. Ein Upgrade kostenfrei. Statt meinem Zimmer mit eigenem Bad für 25 Euro bekomme ich ein Apartment mit Patio, Küche, Bad, total nett und sauber eingerichtet – mit Klima, denn es sei ja schon so kalt (?) MEGA!

Nach einem kurzen Verschnaufen und genießen der letzten Sonnenstrahlen ( waren heute eh nicht so viele) beginnt das übliche Procedere duschen mit Klamotten, die eh gewaschen werden sollen (geht schneller und spart Wasser 👍🏻) , Fuß- und Schulterpflege, einkaufen im nächsten Supermercado für die morgige Etappe. Und. Da ich heute stolze Besitzerin einer Mikrowelle bin, wird heute „zuhause“ gegessen. Ich brauche heute etwas Warmes.Also nochmal Schuhe an und raus.

Ach, und wer eine Zitrone braucht, pflückt sich diese einfach beim Einkaufsbummel…

Hier ist jetzt 20:30h. Der Tag war anstrengend, aber ein echtes Erlebnis!

Morgen gehts nach Almograve, nur 16 km. Entspannt. Hoffentlich. Die meisten gönnen sich nach den heutigen 21 km eine kurze Etappe.

Ein paar Gesichter wird man unterwegs wieder treffen…

Und ich? Ich werde erstmal schlafen wie ein Stein….

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