Warum nur begibt man sich immer total unvorbereitet auf einen Trailabschnitt?
Ganz einfach. Weil man hier ist um eben nichts zu planen, nach keiner Uhrzeit oder Outlook-Kalender zu leben. Weil Zeit nur eine Rolle spielt zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang. Weil jeder Tag ein neuer ist. Mit neuen Herausforderungen, neuen Erkenntnissen und neuen Begegnungen.
Walk-Eat-Sleep-Repeat. Ich trage es auf meinem Shirt, dazu die Jakobsmuschel. Buen Camino.
Heute Morgen bin ich früh wach, wie immer. Es regnet. Warum auch nicht ? Bis hier irgendeine Bar oder Café oder Minimercado aufmacht habe ich keine Geduld. Im Ruckssck finde ich noch ein zerquetschtes Mars (…Macht bekanntlich mobil bei Arbeit, Sport und Spiel 😅) und einen Apfel, na bitte. Am nächsten Strandabschnitt soll eine Bar sein, offensichtlich auch offen. Also ziehe ich gegen 8 Uhr, nach dem der Regenschutt vorbei ist, los in Richtung Küste aus Carrapateira heraus.


Die kühle frische und vom Regen geschwängerte Luft ist herrlich erfrischend. Heute werden es nur 16 km sein, also keine Eile. Dass es die anstrengendsten der letzten Tage überhaupt werden, davon habe ich noch keinen blassen Schimmer. Gut so.


Nach etwa 1,2 km erreiche ich die Küste und Ruinen einer Besiedlung um etwa 12. JH. Mitten auf einem Felsen. Die Aussicht und der Atlantik im Morgenlicht ist gigantisch. Wieder einmal kann ich mich nicht losreißen.







Ich muss leider weiter.

Heute folgt Bucht an Bucht. Einsame Strände, normal ein Surferparadies hier. Aufgrund der Wetterverhältnisse und der aufgewühlten Brandung ist Surfen aber lebensgefährlich.
Und was 😟 muss ich feststellen. Die Bar hat noch zu. Naja verständlich bei der Uhrzeit. Mit vollem Magen läuft es sich schlecht sage ich mir und genieße dafür die himmlische Ruhe.




Dann lässt mich der Weg langsam erahnen, was heute auf mich zukommt. Es geht über den Strand und streng auf engem Pfad hinauf.

Um wieder herunter zu führen …

Schwindel erregende Höhen, schmal, unwegsam. Es sollte noch Schlimmer kommen. Das wusste ich aber noch nicht. Markus sagte nur, da gibt es ein paar Stellen da musst Du Dich gut festhalten. Aha.
Rauf geht es jetzt auf einer breiten Kiesstrasse, steil hinauf auf 250 m aber langsam machbar. Viele Pausen brauche ich. Heute komme ich echt an meine Grenzen…

Und dann stehe ich vor der ersten Herausforderung heute. Langsam, Schritt für Schritt vorwärts tastend, die Stöcke immer in den Boden gerammt, brauche ich ewig, bis ich wieder unten bin.

Das ist das letzte Stück bei dem ich die Stöcke runter werfe und mich fast auf dem Hintern nach unten hangele.
Der Lohn? Eine Wahnsinns-Bucht. Pause. Ich sehe nämlich schon, wo es wieder hinaufgeht…

Noch ist alles harmlos, steil und enge Pfade, die sich aber noch gut meistern lassen.


Bis ich zum erneuten Abstieg komme und hier sich hier neben dem Zeichen ein Steinturm befindet. Auch ich lege einen Stein oben auf und bitte um einen guten Weg.

Bilder kann ich nicht machen, ich brauche alle Aufmerksamkeit, meine Kräfte schwinden. Nur diese verlorene Isomatte, von der ich gestern schon hörte….Trail-Talk eben 😆
Wieder stehe ich in einer Mega-Bucht. Wieder Pause. Wie oft denn heute noch rauf und runter?


Und wieder sehe ich schon den nächsten Aufstieg…

Da drüben übrigens bin ich gerade eben erst herunter „geschlichen“.
Der Aufstieg bringt mich um. Steil, Geröll, eng, glitschig. Nicht stehen bleiben. Nicht umdrehen, nicht nach unten schauen… kein Gefummel mit dem Handy, das alles könnte mich aus dem Gleichgewicht bringen mit diesem Ungetüm auf meinen Rücken.
Die zwei Schweizerinnen, die ich heute als einzige vor mir schon sah, sind längst entschwunden. Hinter mir ist niemand zu sehen. Spätaufsteher oder nehmen sie den historischen Weg (hätte ich wohl besser auch gemacht…) Dann aber wäre ich nicht mit so tollen Küstenabschnitten belohnt worden!

Irgendwie schaffe ich es. Bin total erledigt. Der Fuß schmerzt, die Schultern auch, vom Abstützen mit den Stöcken. Warum warnt keiner vor diesen Passagen? Was machen noch unfittere Menschen wie ich es bin oder gehandicapt wenn sie vor diesen Herausforderungen stehen. Wenn das Wetter umschlägt? Niemals würde ich diese Passagen machen bei Regengüssen wie ich sie hier schon hatte. Ein zurück oder andere Wege gibt es nicht. Entscheidest DU Dich für den Fischerpfad gibt es kein zurück!
Da stehe ich nun ganz oben. Die Achillessehne brennt. Gestern noch war ich so dankbar, dass alles so gut läuft. Ich habe Luft zum Atmen, die Beine spielen mit, es ist jeden Tag eine Freude hier zu sein, und nun das??

Was nun kommt sind Sand- und Kiespisten. Breit. Endlos. Noch 6 km. Kein Mensch weit und breit. 3 Pärchen kommen mir entgegen. Es ist Mittagszeit. Der Treffpunkt derer die vom Norden und Süden wandern und umgekehrt. Dann ist wieder Stille. Gedankenversunken versuche ich langsam zu gehen. Aber immer wieder beschleunigt mein Tempo – wie von selbst. Ich will ankommen.
Ich bin sauer. Weiß nicht warum. Einfach nur sauer. Weil ich merke dass ich an meine Grenzen komme. Dass alles nicht mehr so einfach ist?
Doch ist es. Wenn man es herumdreht. Aus einem anderen Blickwinkel sieht. ICH habe es geschafft! Den anstrengendsten Teil der Route wie ich finde. Ich bin gesund und voller Energie. Naja, fast immer.
Es gib immer ein Ankommen. Immer einen Weg.,
So auch heute. Ganz langsam aber ich komme dem Ziel immer näher.
Noch eine letzte Pause – es gibt hier wirklich nichts. Keine Bank, kein irgendein „ichsetzmichjetztdamalhin“ , nur einen blöden Stein.



Heute ist offensichtlich der Tag, an dem man die ganze Welt anschreien möchte. Aber auch das darf sein.
Endlich, hinter einem Hügel taucht das hübsche Örtchen Vila do Bispo auf.

Wenig später sitze ich vor meiner Unterkunft. 2 Stunden bis zum CheckIn. Hunger. Durst. Also ein Restaurant suchen. Gesucht. Gefunden. Drin sitzen die Schweizer Mädels, die aber am Gehen sind.
Zum späten Frühstück (es ist 14:00 Uhr) gibt es gegrillte Baby-Calamari und ein Glas kalten Weißwein. Die Welt ist wieder in Ordnung und den Fuß habe ich fast schon vergessen.

Danach kann ich verfrüht einchecken, wechsle in die Flip/Flops und treffe Markus und Chris im sonnigen Café.
Abends verabreden wir und noch ins Fischrestaurant. Eine heisse Dusche und ein sauberes Shirt ist alles, was mich jetzt wieder glücklich macht. So wenig und doch so viel!
Das ist der Camino, der Weg. Die Magie, die alles verzaubert auch wenn es mal ausweglos scheint.
Und ja, morgen ruft das Cabo de São Vicente. Ich freu mich drauf. Und Busse fahren dort auch hin….aber wir werden sehen….
