Eigentlich ist es hier mitten im Nirgendwo totenstill. Zumal ich offenbar der einzige Gast in dieser Anlage bin. Und auch nur, weil mir mein Zimmer vor wenigen Tagen aufgrund eines Sturmschadens storniert wurde. Ich bin hier untergekommen. Die Differenz zu meiner vorherigen Buchung soll ich von Booking.com. Zurück bekommen. Es war nichts anderes mehr frei.
Und doch war die Nacht unruhig. Während ich im Pool planschte gestern Abend, ließ ich Trottel die Terrassentür offen. Die Folge: zuerst weckt mich ein Flattermann. Ich gehe auf Jagd. Wenig später nervte ein Moskito. Ich ziehe die Decke über den Kopf. Das wiederum war zu warm. Ich gehe zum zweiten Mal auf Jagd. Gegen drei Ihr morgens brummt und summt es. Ich finde endlich auf dem Boden in einer Ecke einen großen schwarzen Käfer mit Flügeln. Ich bin total genervt. Er musste Sterben. Sorry.
Zurück im Bett finde ich keinen Schlaf mehr. Gegen sechs Uhr schiele ich erneut aufs Handy. Blöd. Frühstück gibt es erst um 08:45. Ich öffne die Holztüren an meinem Apartment und was ich sehe macht es nicht besser. Es regnet. Schon wieder. Also auch nichts mit einer Runde im Pool. Die Lust darauf ist mir bei momentanen 15 Grad auch vergangen. Schade, würde dieser Ort doch bis zum Mittag noch ein chilliges Plätzchen bieten. Leider nicht bei diesem Wetter.

Manche Tage beginnen einfach mies. Ob zuhause oder auf Reisen.
Nun checke ich den Weg zurück zum Fischerpfad und meine Unterkunft für heute Abend in Zambujeira. Gott sei Dank ist es heute nur eine kurze Etappe und ich kann bereits um 14:00 Ihr einchecken. Und. Der Ort verspricht etwas größer zu sein. Hopefully. Also beschließe ich mich direkt nach dem Frühstück auf den Weg zu machen.
Ich beschäftige mich noch mit der Historie von Enrique, konnte ich gestern doch nur spanisch mit ihm sprechen und das war in der Tat eine große Herausforderung, die so manche Irritation mit sich brachte…
Hier ein kurzer Ausschnitt aus einem Bericht: „…Enrique Balsera ist jetzt ein gewöhnlicher Mensch, aber er war auch ein Motorsportler, ein Lamborghini-Fahrer, aber nach einem schweren Unfall klammerte er sich ein Jahr lang an ein Bett, war querschnittsgelähmt und konnte seine Arme nicht senken. Enrique versprach, dass er das tun würde, wenn er wieder gehen würde Er gab sich Gott hin, und zwar auf eine Weise, die fast wie ein Opfer war, aber ein Opfer, das ihn glücklich machte und das Pilgern zu seiner Lebensweise machte…“
Wow. Das macht nachdenklich. Er ist nun auf dem Weg nach Rom und trägt ein Heft mit sich, in dem er von den Menschen, die er trifft, Worte, Wünsche oder Gedanken sammelt. Ich durfte auch etwas hinein schreiben….
Nun aber zu meiner heutigen Etappe. Zuerst geht es 4 km zurück an den Leuchtturm, wo ich gestern nach Cavaleiro abgebogen bin.
Ein Ornitologe in wildem Nato-Outfit versucht eine Möve mit seiner Kamera einzufangen. Per Handzeichen erklären wir uns, wann ich vorbei laufen kann, ohne die Möve für das Shooting zu stören. Es klappt, Möve ungestört, Fotograf zufrieden und ich kann meine heutige Etappe beginnen.
Es ist noch früh und regnet. So bin ich erstmal von den Wanderfluten verschont. Die meisten kommen von Almograve und haben bis hier erstmal 10 km. Somit bin ich allen Nachfolgern weit voraus. Weit voraus sind mir allerdings diejenigen, die bis gestern mit mir unterwegs waren, denn sie sind ja bereits bis Zambujeira durchgelaufen.
Die Etappe heute ist entspannt ohne großartige Sandpfade, sondern meist befestigte Wege. Korrigiere, befestigt schon, dafür aber findet ein Spießrutenlauf zwischen den großen, wegesbreiten Pfützen statt. Das sollte auch heute so bleiben, auch wenn es inzwischen aufgehört hat zu regnen.

Als ich kurz raste, um das Regenzeug zu verstauen, naht eine Reitergruppe. Wiederum mit Handzeichen gibt mir der erste Reiter zu verstehen, wo entlang sie möchten und ich nehme angemessenen Abstand um die Gruppe vorbei zu lassen. Nicht ohne ein leises Neidgefühl beim Hinterher-Schauen.

Ich bin gespannt was mich heute erwartet und vor allem neugierig auf neue Gesichter auf dem Trail.
Der gestrige Abend steckt mir irgendwie noch in den Knochen, die Füße fühlen sich schwer an, die Beine müde.
Wie war das noch gleich: „Geh langsam wenn Du es eilig hast“
Schritt für Schritt versuche ich meinen Rhythmus wieder zu finden. Der Weg macht es mir heute einfach.

Diese Küste ist einmalig schön, jede Bucht mit gewaltigen Massiven und Steilhängen hat ihr eigenes Gesicht, das Tosen der Wellen und Krachen, wenn sie sich brechen ist ohrenbetäubend laut. Naturgewalten wohin das Auge blickt. Immer wieder stehen bleiben, immer wieder genießen, immer wieder Fotos machen. Als wäre das Wunder gleich vorbei oder würde jemand das Licht ausknipsen.
Langsam führt der Weg dann von der Küste weg.



Neben riesigen Kakteen, leer Stehenden, einsamen Häusern und dem neu erwachenden hellgrünen Zweigen der Pinien schlängelt er sich durch die Landschaft. Es ist ruhig geworden. Das Tosen des Atlantik verstummt. Ich bin mit dem Tok-Tok meiner Wanderstöcke allein. Hin und wieder kommen mir Wanderer entgegen, eine Wanderin überholt mich in rasantem Tempo. Dann wieder rastet sie und ich laufe vorbei. Die Abstände werden größer, ich verharre immer wieder und traue mich sogar todesmutig auf einen Klippensteg an dessen Ende ich nah genug an ein für hier typisches Storchennest komme. Es ist leer, aber einen Storch entdecke ich an der gegenüberliegenden Felswand.
Die Knie sind bei diesem Ausflug schon etwas weich und trotzdem muss ich ein 360 Grad Video aufnehmen, indem ich mich quasi auf einen Fuß rundherum drehe.

Und noch jemanden entdecke ich in den Felsen. einen Fischer, der sich tatsächlich an den Klippen abseilt.
Bei diesen Größenverhältnissen muss man schon ganz genau hinschauen!

Nach einem kurzen Ausflug in die nicht ganz richtige Richtung korrigiere ich mein Vorhaben und finde zum Pfad zurück.
Das was ich in der Ferne sehe, verrät mir schon, dass mir ein Abstieg mit erneutem Aufstieg droht.
Im Wirrwarr der Büsche entdecke ich auch den Wegweiser.

Abwärts geht es über Holzstege und Treppen. Unten angekommen befinde ich mich im Fischereihafen inmitten von allem möglichen Booten und Zubehör und auf der anderen Seite geht es steil die betonierte Zufahrtsstraße wieder hinauf.
Oben angekommen stehe ich direkt vor einem Restaurant. Am Fischereihafen. Ein Fischrestaurant. Das klingt gut und sieht auch noch nett aus. Es ist zudem gut besucht, die Mittagszeit längst vorbei, also auf was warte ich noch?
Bei der passenden Tischsuche – sie sind alle ziemlich groß – wird mir ein Platz an einem Tisch, der bereits mit drei Wegesgefährten besetzt ist angeboten. Jetzt tummeln sich hier Berlin, Bruchsal, Darmstadt und Österreich.



Das Essem schmeckt super, es gibt Oktopus-Salat, die Runde ist supernett. Die drei kennen sich schon, kommen aus Almograve heute.
So kommt es, dass sie sogar auf mich warten, als ich bezahle und wir gemeinsam weiterziehen. Bis Zambujeira sind es noch knapp 3 km, die ich – für mein Empfinden – im Stechschritt und im Dialog mit Karin erledige.
Wir verabreden uns locker für den Abend. Bettina ist sogar in der selben Unterkunft und so verwirren wir die Dame bei unserem Eintreffen derart, dass sie lange braucht zu verstehen, dass wir ZWEI Zimmer getrennt voneinander gebucht haben 😅
Nachdem der Rucksack in der Ecke geparkt ist, noch feuchte Klamotten von gestern ihren Platz auf Kleiderbügeln gefunden haben (und hoffentlich nun endlich trocken werden) belohne ich mich mit einer heissen Dusche. Aber bitte zügig jetzt. Ich möchte noch an den Strand.
Allein dieser Anblick wärmt von innen. Ich suche den Weg nach unten. Wackele mit meinen Flip-Flops an den Füßen über die Felsen, bestaune sensationelle Steinmarmorierungen und halte Ausschau nach einem geeigneten Platz für den Sundowner.

Der beste Platz ist besetzt. Aber halt, das scheint Bettina zu sein. Ich frage sie ob sie alleine sein möchte. Sie verneint und so genießen wir zusammen den Sonnenuntergang.
Worte braucht es dazu nicht,

Einmal umgedreht erstrahlt auch das Küstenörtchen, das übrigens ganz reizvoll ist, in einem magischen Licht.

Wir treffen die anderen beiden in einer Bar an der kleinen Promenade und fangen das Finale Lichtspiel ein.

Nun bin ich satt mit Eindrücken, gutem Essen und Vorfreude auf den morgigen Tag auf meinem Zimmer und hoffe heute auf eine ruhige Nacht.
Liebe Birgit (oder sollte ich vielleicht besser schreiben: Hey Babe oder Hallo Berschitt?) Wie es Dir auch lieber sei: Herzlichen Glückwunsch zu Deinem 60. Geburtstag und willkommen im Club der klugen alten weisen Frauen! Deine Begeisterung für Portugal kann ich mehr als gut verstehen, auch wenn Dich das Wetter ziemlich gebeutelt hat. Wir waren dieses Jahr schon 2 mal dort, weil uns die Brandung und die Steilküste absolut fasziniert haben. Auch ich habe zahlreiche Videos gedreht. Und Du wirst es nicht glauben, vor ein paar Wochen erst habe ich eine Reportage über den Wanderweg „Fischerpfad“ gesehen. Und Du, meine Liebe: Ich hoffe, Du hast heute mehr Sonnenschein, keinen Sturm sondern ein laues warmes Lüftchen und vor allem ein paar nette Menschen um Dich herum oder wieder tolle Begegnungen. Das Glück der unerwarteten Begegnung ist etwas ganz wunderbares. Sei umarmt, ich denke fest an Dich!!!! Herzlichst die olle Bine
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