Tag 1 Die Entscheidung

Ich bin hin- und hergerissen. Das Wetter will sich einfach nicht beruhigen. Es wird wohl Mittag bis es trockener wird.

Seit dem ich wach bin quäle ich Wetterbericht, Busfahrpläne soweit vorhanden als auch die KOMOOT-App um irgendwie eine Entscheidung treffen zu können. Wäre ich nicht angeschlagen, stünde es außer Frage den langen Weg durch die matschig nassen Polder zu nehmen. Im Zweifel müsste ich mir am Atlantik angekommen irgendwie eine Transportmöglichkeit organisieren. Dagegen steht nun die Alternative direkt mit Ortsbussen durchs Inland nach Cherrueix zu fahren und dort gegen Mittag auf den Trail des GR34 einzusetzen. Zweifelsfrei die schönere Strecke entlang der Küste.

Klingt irgendwie gut oder?

Im kompetenten Touristikzentrum am Ort – hier ist noch ein riesiger WoMo Campingplatz – rät man mir vom Weg durch die Polder wegen Überflutung ab, auch ist die öffentliche Verbindung nach Cherrueix katastrophal bis gar nicht vorhanden. So oder so muss ein Taxi her.

Ich bin schon irgendwie erleichtert, dass mir die Entscheidung sozusagen abgenommen wird und lass im Hotel direkt ein Taxi rufen. Ich will einfach nur weg hier und endlich durchstarten, los laufen, alleine sein, mich meinem nächsten Abenteuer stellen….frei sei!

Und wer kommt da 20 Minuten später? Klar, Eric von gestern. Offenbar eine Taxi-Mafia der Hotels hier. Dafür sind aus den angekündigten 60 Euro am Ende 54 geworden inkl. Trinkgeld – man kennt sich eben … und er setzt mich direkt am GR34 ab, checkt für mich nochmal das Wetter und wünscht mir eine gute Reise, Au revoir Eric! Das sind die kleinen, schönen Begegnungen des Weges, die ich so vermisst habe!

Der Blick zum Himmel verrät nichts Gutes. Noch schnell zwei Bilder vom Startpunkt und dann alles sturmsicher verpackt. Einen Schönheitspreis gewinne ich definitiv nicht! Ich hatte heute morgen noch einen quietsch-gelben Regenponcho ergattert, weil ich Dussel doch meine Regenhose vergessen hatte…diesen noch über die Regenjacke und Rucksack oben drauf mit neon-Regenschutz, très chic ! Aber praktisch. Nur. Der Wind zerrt am Poncho und trotz alledem sind die Hosen wieder mal pitschnass. Egal, sobald es aufhört zu regnen, trocknet der Wind die Hose im nu.

Die knapp 8 km sind ungewöhnlich leicht trotz des Wetters. Der Weg führt immer völlig platt entlang der Wasserkante wenn auch dazwischen eine Graslandschaft liegt und das Meer nur weit weg sichtbar (Ebbe halt) So ungefähr wie auf dem Bild. Vor mir hole ich ein französisches Ehepaar mittleren Alters, so wie ich 😉 ein, sie sind aber nicht sehr gesprächig, des englischen nicht mächtig (geschweige denn deutsch) und entschwinden in einem Restaurant. Dann hört es endlich auf zu regnen und ich befreie mich vom schicken gelben Verhüterli. Bald schon taucht die Bucht von Hirel vor mir auf, wo einige Strandsurfer zugange sind. Und ich bin zwar vom Winde verweht aber wieder trocken.

Es ist noch früh und ich würde jetzt echt einen Kaffee nehmen. Bloß wo? Ich bin im wohl vereinsamtesten Ort der bretonischen Küste. Nichts. Viele Häuser stehen hier zum Verkauf und sind auch bereits etwas „verwildert“, Ein einziges Restaurant, das bereits zu ist. Eine Bar. Zu. Den Fastfood-Laden gibts wohl nicht mehr, die Pizzeria, die ich vergeblich suche erweist sich als Pizza-Automat, ja, im Ernst ein Pizza-AUTOMAT vorm Supermarkt MIT Sitzgelegenheit. Wow.

Und genau gegenüber wohne ich und ein Schild mit meinem Namen hängt in der Tür, worauf ich lesen kann (auf deutsch!) dass der Nachbar im Garten den Schlüssel zum Haus hat und wo mein Zimmer ist. Ich wohne heute privat bei Pirette ihrem Hund und ihrer Katze. So eine liebenswerte Gastgeberin, die sogar meine nassen Schuhe am Kamin trocknet und deren Küche ich benutzen darf.

Plage de la Grève

Am Abend gehe ich nochmal zum Strand ohne Meer dafür mit tausenden Austernschalen übersät. Es weht ein eiskalter Wind. Und man sieht von hier aus immer noch ganz schwach am Horizont Le Mont Saint Michel. Er ist weithin sichtbar.

Nach einem Stück Baguette, Käse und Schokolade aus dem Mini-Supermarkt – dem mit dem Pizza-Automat – ziehe ich mich früh in mein Zimmer zurück, denn es wird morgen mit der doppelten Wegeslänge schon ein wenig anstrengender.

Also dann au revoir bis morgen aus Cancale 🐚🦪

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